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Fernand Jacopozzi, „Magier des Lichts“

Fernand Jacopozzi, „Magier des Lichts“

Iluminations et travaux de Jacopozzi
© Xavier Boissel, Didier Vivien, Gaspard Vivien
Image locale (image propre et limitée à l'article, invisible en médiathèque)

Fernand Jacopozzi (1877-1932) ist ein Ingenieur italienischen Ursprungs (geboren in Florenz), dem der französische Generalstab die Aufgabe übertrug, das falsche Paris zu beleuchten; er wurde dafür in die Ehrenlegion aufgenommen, obwohl seine Installationen im Pariser Nordosten niemals getestet werden konnten. Jedoch bereitete er den Weg für andere, ähnliche Projekte, die sich im Zweiten Weltkrieg durchaus als effektiv erweisen sollten.

Man denkt dabei in erster Linie an die Starfish Sites, fiktive Städte, die in England während der Luftangriffe der Blitz-Kampagne errichtet wurden, um echte Städte wie Bristol, Manchester oder Sheffield zu verschonen. Später bezeichnete der Begriff Starfish Sites speziell zur Prüfung der Auswirkungen von Atomtests in den USA im Rahmen der „Operation Teapot“ errichtete Orte, die berühmten Survival Towns. Man weiß noch wenig über diese Starfish Sites, aber jenseits des Ärmelkanals beginnt man, sich ernsthaft dafür zu interessieren, wie ein ziemlich langer und ausführlicher Artikel in der Daily Mail mit Datum vom 1. März 2013 belegt.

Das andere große Projekt, das am meisten dem von Fernand Jacopozzi gemein hat, ist das Projekt Disguise California: 1942 befürchteten die Amerikaner eine Luftoffensive der Japaner an der Westküste und errichteten in Kalifornien mit mehreren Hektaren gefärbtem Tuch eine fiktive Vorstadtsiedlung über dem Boeing-Flugzeugwerk 2.

Ingenieur Jacopozzi hat seinen Platz in der Nachwelt dann schließlich auch nicht dem falschen Paris zu verdanken, sondern der echten Stadt. Der Florentiner Ingenieur schuf nach dem Ersten Weltkrieg die Beleuchtung für die herausragendsten Bauwerke von Paris: Arc de Triomphe, Opéra Garnier, Place de la Concorde, La Madeleine Eiffelturm, um nur einige zu nennen.

Die Pariser Eiffelturmgesellschaft hatte nämlich beschlossen, für die Kunstgewerbliche Ausstellung 1925 in Paris das weltberühmte Monument zu beleuchten; dafür hatte sie nicht nur Rat bei Malern wie Fernand Léger und Raoul Dufy eingeholt, sondern auch bei Fernand Jacopozzi, der sich wegen der Finanzierung des Projektes und an André Citroën wandte und diesem versprach: „Ihr Name, 20 Meter hoch, aus Leuchtbuchstaben, auf dem berühmtesten aller Monumente... ein leuchtender Pfeiler trägt Ihren Namen... ein Name, der 50 Kilometer weit zu sehen ist... noch nie hatte eine Werbung so ein Publikum... das wird die Fackel von Paris, Stadt der Lichter...”1 In nur eineinhalb Monaten errichtet er die Holzgerüste, auf denen die Fassungen für 250 000 Glühbirnen in sechs verschiedenen Farben angebracht und über 90 Kilometer Kabel mit Strom versorgt werden.

Die Kunstgewerbliche Ausstellung beginnt am 5. Mai 1925, und den Parisern bietet sich ein außerordentlicher Anblick: Der Eiffelturm steht für eine Minute in Flammen, wobei der Eindruck eines gigantischen Feuerwerks entsteht, bis dann schließlich der Name Citroën in riesigen Lettern von 30 Metern Höhe aufflammt; der begeisterte Le Corbusier schrieb in der Zeitschrift L’Art Décoratif d’Aujourd’hui: „Inmitten von Palästen aus Stuck, in denen das Dekor bröckelt, wirkt er rein wie ein Kristall.“2 Dieser einzigartige Werbeträger bleibt bis Mitte der dreißiger Jahre an Ort und Stelle. Der Flugzeugpionier Charles Lindbergh sollte sogar erklären, dass er die Lichter zur Orientierung nach seiner berühmten Atlantiküberquerung 1927 zur Orientierung für die Landung in Le Bourget nutzte. Die Lichtdekorationen von Jacopozzi kamen zwar nicht dazu, die deutschen Bomber zu täuschen, konnten aber doch zumindest den Luftpionier bei seiner Meisterleistung führen. Später, „im Jahre 1926 fügt Jacopozzi tausende Glühbirnen hinzu, die Kaskaden von Funken bilden, die wie harmonisch strömende Wasserfälle wirken”3, und „1927 simuliert die Dekoration ein Gewitter und das Entzünden des Turms mit zickzackförmigen Blitzen von vierhundert Metern Höhe. Der Turm scheint zur Beute der Flammen zu werden.”4

Diese aufeinanderfolgenden Erleuchtungen des Eiffelturms bringen Jacopozzi 1927 einen langen Artikel in L’Illustration ein, der mit Lobpreisungen nicht spart über „den, der unseren Eifelturm aus einer einfachen, dunklen und unnützen Spitze über dem Nachthimmel von Paris  zu einem märchenhaften elektrischen Theater gemacht hat, wie es die Welt noch nie gesehen hat“; und nicht ohne eine gewisse lyrische Wirkung setzt die Zeitung fort: „dieses Märchenspiel stellt eine erfolgreiche neue Formel der dekorativen Werbung dar; bis jetzt hatte noch niemand etwas so großes und großartiges geschaffen.”5

Aber der Ingenieur Jacopozzi – dem man den Beinamen „Magier des Lichts“ gegeben hatte – sollte sich mit dem Erreichten nicht zufriedengeben; er weitete sein Werk der städtischen Erleuchtung auf zahlreiche andere Monumente aus: „Nach dem Eiffelturm installierte Jacopozzi für die Feiern zum Jahresende Beleuchtungen an den größten Kaufhäusern von Paris: Louvre, Galeries Lafayette, Samaritaine, Bazar de l’Hôtel de ville, Bon Marché.”6 Damit sollte er derjenige sein, der den ersten Anstoß zur Schaffung von Leuchtreklamen gegeben hatte, und der 1931, ein Jahr vor seinem Tod, zum „unentbehrlichen Regisseur aller Veranstaltungen wurde, bei denen Licht eine Rolle spielte.”7 Im Jahre 1930 beauftragt ihn Kardinal Verdier mit der Beleuchtung von Notre-Dame und bietet ihm 3000 Francs; er macht es umsonst. Ein Jahr später beleuchtet er den Nachbau des Tempels von Angkor für die Kolonialausstellung an der Porte Dorée im Bois de Vincennes bei Paris.

Jacopozzi ist also der symbolische Vater von Paris by Night, der weitgehend zum Mythos der „Stadt der Lichter“ beigetragen hat, auf Silberplatten gebannt vom Fotografen Léon Gimpel (1873-1948); dieser Letztere ist der Autor einer bemerkenswerten Serie von Farbfotos aus dem Paris der zwanziger Jahre. Er ist auf eine bestimmte Art und Weise der „ Eugène Atget der Farbe“. Erstaunlich ist auch die Tatsache, dass Gimpel einer der ersten war, die das Autochromverfahren benutzten, insbesondere während des Ersten Weltkrieges; ihm verdanken wir die seltenen Farbfotos aus dieser Zeit (dabei denkt man in erster Linie an Bilder von Kindern in den Straßen von Paris, die mit Flugzeugmodellen spielen). Jacopozzi und Gimpel sind zwei von der Geschichte verkannte Genies, und gleichzeitig zwei Schlüsselfiguren.

Fazit: Das Lichtspiel, das den Feind täuschen sollte und doch niemals zum Einsatz kam, sollte seine Bestimmung in der modernen Stadt finden, als ob das nicht verwirklichte Projekt eines irrealen Paris über die späteren Lichter der realen Stadt bestimmten; die geplante Erscheinung schöpft aus dem modernen Gaukelspiel, aus der Pracht eines Mediums, das im urbanen Märchenspiel triumphiert.

 

Anmerkungen

1 Zitiert von Pierre-Marie Gallois, Le Sablier du siècle, Éditions L’Âge d’Homme, Lausanne, 1999, Seite 23. Betreffs Fernand Jacopozzi siehe vor allem die Seiten 22 bis 26.

2 Le Corbusier, L’Art Décoratif d’Aujourd’hui, Paris, Vincent et Fréal, 1959 [1925], Seite 141.

3 Jean-Claude Daufresne, Fête à Paris au XXe siècle, Architectures éphémères de 1919 à 1989, Éditions Mardaga, 2001, Seite 171.

4 Ebenda Seite 173.

5 L’Illustration n° 4423, 10. Dezember 1927, Seite XXXI. Dieser Artikel trägt den bezeichnenden Namen „Magie moderne”.

6 Nach Pierre-Marie Gallois in Quand Paris était une ville-lumière, ebenda

7 Ebenda Ibid.