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Wissenschaftlicher Bereich > Die neukaledonischen Schützen vom Chemin des Dames

Die neukaledonischen Schützen vom Chemin des Dames

Tirailleurs Kanaks, fonds Leenhardt
© Archives de Nouvelle-Calédonie
Image locale (image propre et limitée à l'article, invisible en médiathèque)

In der Kapelle gleich neben dem Soldatenfriedhof von Cerny en Laonnois erinnert ein Schild an die Opfer des Pazifikbataillons1. Die Kanak2, Eingeborene von Neukaledonien, waren bei Kriegsausbruch bereits seit sechzig Jahren unter französischer Kolonialherrschaft, abgeschoben in Reservationen von den Dekreten des „Régime de l’Indigénat“, ihre sozialen Beziehungen dem „Gewohnheitsrecht“ unterworfen. Die Geschichte des Pazifikbataillons war lange Zeit in Militärarchiven vergraben, von der öffentlichen Geschichtsschreibung vergessen. Sie lebt heute von den Aussagen der Zeugen, von denen jeder einen einzigartigen Blick auf „seinen“ Krieg wirft, ungeachtet der Debatte, in der sich Geschichte und Erinnerung gegenüberstehen. Dieser Ansatz gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Erfahrungen dieser tausend Männer, die auf ein Schlachtfeld 20000 km entfernt von ihrer Heimat geschickt wurden, und lässt uns nachempfinden, was die Eingeborenen der weit vom Mutterland Frankreich abgelegenen Inseln Ozeaniens am Chemin des Dames erlebten.

Bereits zu Anfang des Krieges braucht Frankreich alle verfügbaren Männer, aus dem Mutterland wie aus den Kolonien. Am 29. Dezember 1915 verfügt Gouverneur Repiquet die Ausweitung der Gültigkeit des Dekrets zur Rekrutierung der senegalesischen Schützen3 auf die Eingeborenen Neukaledoniens, die Kanak. Nach einigen teilweise übertriebenen Rekrutierungskampagnen, die wesentlich zum Ausbruch des Aufstandes der Eingeborenen von 1917 im Zentrum der Hauptinsel Grande Terre beitragen, werden 1078 Kanak als Schützen nach Europa abkommandiert. Sie bilden keine feste Einheit und werden fast während des gesamten Krieges nach dem Bedarf der Streitkräfte als Hilfstruppen eingesetzt. An zwei der Offensiven am „Chemin des Dames“ nehmen die Schützen der Kanak teil. 1917 und 1918 werden Hilfstruppen der Kanak zusammen mit den Bataillonen der senegalesischen Schützen einzeln (Granatwerfer) oder in kleinen Gruppen (Sanitäter) an diverse Regimenter wie das 6. Infanterieregiment abkommandiert, kämpfen bei der Verteidigung des Frontabschnitts Cerny en Laonnois und nehmen mit dem 418. Infanterieregiment an den Kämpfen an der Front von Ailette teil.

An der Front bilden Schützen der Kanak inmitten von größeren Einheiten kleine, von Kreolen angeführte Gruppen, die ihre Sprache sprechen. Trotzdem sie von ihren Unteroffizieren mit Alkohol abgefüllt werden und Natas wie Katecheten sich gegenseitig an religiösem Eifer übertreffen4 wenden die Häuptlinge angesichts der herannahenden Offensive ihre traditionellen Kriegstechniken an. Der Kriegsappel Discours de guerre de Mindia, ein klassischer vivâ, aktualisiert für die Anforderungen des Krieges zwischen Franzosen und Deutschen, wurde vom Oberhäuptling zuerst am 30. April 1916 beim Aufgebot der Schützen in Houaïlou gehalten und rief „eine solche Begeisterung hervor, dass die Frauen ihre Männer mit Freude in den Krieg schickten“5. Sein Sohn Apoupia benutzt ihn ebenfalls, um den Schützen im Juli 1917 bei Cerny Mut zu machen, so wie vor jeder Teilnahme an den Kämpfen. Diese endlosen Ansprachen, vivâ genannt, werden bei emotionsgeladenen Anlässen wie Geburten oder Trauerfällen gehalten, bei denen sich die Familienbande enger zusammenziehen und kriegerische Allianzen festigen. Die Kanak definieren sich über ihre Beziehung zur natürlichen Umgebung, die Abstammungsort des Clans und zugleich Ursprung des Namens eines jedes Individuums ist6. Durch das Heraufbeschwören der Geschichte der einzelnen Clans lässt der Appell an die eingeborenen Schützen die Geschichte wiederauferstehen: Jeder Kanak steigert sich in die Gewissheit hinein, als Knotenpunkt in einem Netz menschlicher Beziehungen mit einer Mission beauftragt zu sein. Die Erzählkunst von Apoupia, die den vivâ in die jeweiligen realen Orte und Situationen überträgt, beschreibt detailreich die Landschaft; unter Darstellung kriegerischer Posen7 und mit Voraussagen über die Zukunft erreicht der vivâ einen solchen Grad der Dramatisierung, dass der Kanak-Soldat die Realität des Augenblicks als Kontinuität seiner Ahnenreihe erlebt, eingebettet in die Geschichte seiner Gemeinde: „Ich suche den Mann, der den Sieg erringt und mit seinen Taten das Haus des Feindes zum Einsturz bringt, den Mann, der allein inmitten der Massen und der unzählbaren Gesichter den Knoten zerschlägt und die Deutschen von den tiefsten Schlünde der Erde verschlucken lässt!“ Das Wunderbare und das Heldenhafte wirken auf das Individuum wie eine starke psychologische Kraft, der es sich nur noch unterwerfen kann. Obschon der Begriff des Patriotismus gewiss nicht auf die Kanak angewendet werden kann ist der Kampfeswille wohl vorhanden: „Ihr geht in den Kampf, lasst keinen Raum zwischen euren beiden Flügeln, setzt alles in Brand bei eurem Lauf, schlagt den Feind mit Händen und Füssen, dort in diesem Tal, das voll vom Lärm des Deutschen ist, des Flüchtigen, der sich verstecken muss und dessen Namen wir nicht mehr hören wollen. Ich habe gesprochen.“ Die neukaledonischen Schützen gelten als mutige Soldaten, die halsbrecherische Missionen erfüllen, vor keiner Gefahr zurückweichen, ob als Granatwerfer oder Sanitäter, das Leben an der Front ist für sie ein einziger intensiver Moment. Die Clans der Krieger erleben jetzt wieder, was ihre Väter durch die Kolonisierung aufgeben mussten.

Ihr Glaube und ihr Vertrauen in Gott sind Teil ihres Mutes, den die Kanak angesichts des Feindes unter Beweis stellen. Eine extreme Gläubigkeit durchdringt alle Momente ihres Lebens; einer von ihnen schreibt: „Die Artillerie der Boches hatte uns bereits beschossen … Wir waren verzweifelt, denn wir hatten den Befehl erhalten, nicht auszurücken. In diesem Moment dachte ich an meine Fahne9. Ich hole sie heraus und hänge sie am Eingang zum Steinbruch auf, damit die Granaten sie nicht erreichen. Nicht einmal fünf Minuten später ... schlagen die Granaten 40 Meter weiter hinten ein, wir sind gerettet.10 »  Nur der religiöse Synkretismus lässt sie das Unerklärliche begreifen: „Ein Alter aus Canala hatte schützende Amulette mitgebracht. Eines Tages hatte er sie nicht bei sich und wurde getötet.“11. Die nächtlichen Gewaltmärsche, der Regen, der Schlamm bleiben in den Erinnerungen. Aber die unfassbaren Umstände des unaufhörlichen Artilleriebeschusses, das ohrenbetäubende Krachen der Geschosse, die die Erde explodieren lassen, die mit menschlichen Überresten vermischten Granatsplitter prägen die Überlebenden für den Rest ihres Lebens: „Der Tod des Schützen Wahéa, der von einer Granate zerrissen wurde und dessen Herz sie in einem Baum hängend fanden, hat sie tief beeindruckt. Es gibt Kämpfe Mann gegen Mann, mit Gewehr und Bajonett. Andere werden von Granatsplittern verletzt, in den Schützengräben lebendig begraben, von Panzern überrrollt.“12 Mit ihrer intimen Nähe zur Natur versetzen die Kanak ihre Erzählungen immer wieder mit Erinnerungen an ihr Heimatland: „Der Himmel voll mit unzähligen Sternen, wie Muscheln am Ufer von Magatu…“ Sie haben keinen Hass auf die Deutschen, sind aber voller Unverständnis für die schrecklichen Verwüstungen des Krieges: „Die gesamte Gegend, die Erde, die Bäume, nichts blieb übrig, um davon zu zeugen, dass dies einst ein Land war, die Wege sind verschwunden, Stämme in Stücke zersprengt. (…) Und wir erlebten all diese entsetzlichen Dinge, die diese Leute, die Boches, gemacht hatten, sie haben die Häuser verbrannt, Minen unter den Wegen vergraben, um sie aus einem Versteck in der Ferne zu zünden, wenn wir darüber fuhren.“13 Auf eine symbolische Art und Weise sind die Beziehungen mit der Bevölkerung der Kampfgebiete am aufschlussreichsten, wenn das moralische Leid geteilt wird: „Wir sprechen mit den Dorfältesten über ihre Not und ihr Leiden während der deutschen Besatzung.“14

Dreißig Kanak (das Pazifikbattaillon hatte 1918 am Chemin des Dames gekämpft) und 7 Kaledonier (davon 2 am Gut Hurtebise) fielen für Frankreich am Chemin des Dames. Ihre sterblichen Überreste ruhen auf den Soldatenfriedhöfen von Flavigny, Soupir, Ambleny, Cerny… Als Hilfstruppen von geringer Stärke waren sie ursprünglich für den Einsatz im Hinterland vorgesehen, legten jedoch am Chemin des Dames und überall, wo sie an vorderster Front gekämpft hatten, ein vorbildliches Verhalten an den Tag. Sie sind die französischen Eingeborenen, die das meiste Blut für Frankreich15 vergossen hatten.

Der Erste Weltkrieg brachte Eingeborene aus Neukaledonien in großer Zahl ins Mutterland, um ein entferntes und utopisches Heimatland zu verteidigen. Bei ihrer Rückkehr lässt das Régime de l’Indigénat, das erst 1945 abgeschafft werden sollte, die Kanak in Vergessenheit geraten16. Doch auch wenn sich damals keine nationalistischen Stimmen erhoben ließ diese Erfahrung die Einheimischen zum ersten Mal in der Kolonialgeschichte Neukaledoniens die Inseln und ihr Archipel als eine gemeinsame Einheit begreifen. Als die französische Verwaltung 1925 eine Befragung unter Veteranen der Schützen veranstaltet, wer von ihnen die französische Staatsbürgerschaft wünscht, verweigern die meisten. Die Achtung des gegebenen Wortes17, die Verankerung in den Traditionen und die Religion gaben dem Einsatz der Kanak den Sinn.

 

Anmerkungen

1 Das Bataillon der Pazifikschützen, bestehend aus zwei Kompanien, wurde am 4. Juni 1916 in Nouméa gegründet, bevor es nach Marseille verlegt wurde, und am 10. Mai 1919 aufgelöst. Später wurde es mit einem Artilleriebataillon zusammengeschlossen und in Gemischtes Pazifikbataillon (BMP) umbenannt. In dem Etappen- und späteren Marschbataillon dienten bis zu vier Schützenkompanien aus Neukaledonien und Tahiti. Verstärkungen verließen Nouméa am 3. Dezember 1916 und am 10. November 1917. Das BMP, das zuerst unter dem Hafenkommando in Marseille unterstand, wurde später zum 72. Infanterieregiment an die Front in der Champagne abkommandiert, wo es von August bis Oktober 1917 kämpfte. Von Juni bis September 1917 nahm es an der Schlacht am Matz teil, anschließend am Sturm auf das Plateau von Paoly und an den Vorstößen in Richtung von Ailette. Im Oktober 1918 kämpfte es, zum ersten Mal vereint, an vorderster Front bei der Einnahme von Vesles und Caumont und erhielt eine ehrenhafte Erwähnung auf Veranlassung der 10. Armee.

2 Um auf die Unabhängigkeitsforderungen eines Teiles der Melanesier von Neukaledonien einzugehen wurde die Bezeichnung „Kanak“ (unveränderbar) 1988 durch die Vereinbarungen von Matignon-Oudinot offiziell eingeführt.

3 Vorgegeben vom Dekret vom 9. Oktober 1915 zur freiwilligen Verpflichtung von Eingeborenen der Kolonien für die Dauer des Krieges, ergänzt durch die Verordnung vom 6. Januar 1916.

4 Die Natas (Protestanten) und Katecheten (Katholiken) sind eingeborene Missionare der christlichen Kirchen. Ihre Rolle ist von wichtigster Bedeutung: „Aiva! Die Schützen waren gestärkt, wir waren bereit, in den Krieg zu ziehen. Wir beteten jeden Abend und übten uns in Enthaltsamkeit. Einige waren sich der Situation nicht bewusst, andere weinten, weil sie zur Wache abkommandiert worden waren. (…) Also nahmen wir unseren Mut zusammen und verfolgten die fliehenden Deutschen.“ Archiv von Neukaledonien (ANC), Coll. G. Leenhardt, Nata Acôma Nerhon, Juni 1918.

5 Leenhardt Maurice, Documents Néo-Calédoniens, Paris, Institut d’Ethnologie, 1932, 514 Seiten, S. 312-318. Der Discours de Mindia ist ein vivâ (feierlicher Aufruf), der zuerst anlässlich der Rekrutierung von Hilfstruppen für die Niederschlagung des Aufstandes der Kanak von 1878 ausgerufen wurde. Der Pastor und Ethnologe Maurice Leenhardt fertigte eine Übersetzung an, die zwar nicht wörtlich ist, aber die Metaphern des Textes des großen Häuptlings so wahrheitsgetreu wie möglich wiedergibt, um die geistige Tradition des Kanak-Volkes zu bewahren.

6 Tjibaou Jean-Marie, MISSOTE Philippe, Kanaké, Mélanésien de Neukaledonien, les éditions du Pacifique, 1976, 120 Seiten.

7 Bei einem Interview in Nékliaï (September 2002) ahmt Alphonsine Ouinémou (82 Jahre) die Gesten ihres Großvaters nach, eines früheren Schützen aus Muéo, der bei seiner Heimkehr aus dem Krieg vom Sturm auf den „Chemin des Dames“ erzählte, als sie noch ein Kind war. Ihre beiden Cousins, Jean-Baptiste Ouinémou und Pascal Borékaou, kommen hinzu. Die drei Alten sitzen in der Hocke und halten in ihrer Rechten einen symbolischen Schlagstock, stehen mit gebeugtem Rücken auf, um den Kriegstanz nachzuahmen, in einer Art Trance, und Jean-Baptiste rezitiert mit lauter Stimme den vivâ in der Païci-Sprache.

8 Es handelt sich um das Tal der Ailette, nach dem Kriegstagebuch des Obergefreiten Henri Mayet, der die Kanak anführte.

9 Die katholischen Schützen haben ein Fähnchen von Sacré-Cœur, das sie „in den gefährlichsten Momenten“ am Kolben ihres Gewehres mit sich tragen.

10 Anonym, in L’Écho de la France catholique-Neukaledonien, November 1918.

11 Interview mit Monseigneur Michel Matuda Kohu, aus Nakéty-Canala, 83 ans, 5. Juni 2003.

12 Interview mit Pastor Wazone, 96 Jahre, aus Rôh-Maré, 31. Juli 1995.

13 ANC, Coll. G. Leenhardt, Brief des Nata Acôma Nerhon an Pastor Leenhardt, 01.11.1918.

14 ANC, Coll. G. Leenhardt, A. Nerhon an Pastor Leenhardt, Frontabschnitt Cerny, Oktober 1918.

15 1078 Schützen wurden unter den Kanak rekrutiert, von 1137 erfassten Verpflichtungsurkunden. 382 von ihnen fielen oder gelten als vermisst, entsprechend 35,34% der Soldaten.

16 Manche Kanak-Schützen bekundeten ihren Willen, nach dem Krieg nicht in die Kolonie zurückzukehren. Ein Lifou springt in den Hafen von Marseille als das Schiff bereits zu weit ist, um seine Maschinen noch zu stoppen; nach einem Aufenthalt in Paris wird er für den Rest seines Lebens Küster in der Nähe von Briançon. Ein Houaïlou desertiert im Hafen von San Francisco und lebt fortan in den Vereinigten Staaten.

17 Mit wenigen Ausnahmen stammen alle Rekruten des 1. Kontingentes des Pazifikbataillons aus Clans, die mit den Franzosen alliiert sind.

 

Kurzbibliographie

Sylvette Boubin-Boyer, De la Première Guerre mondiale en Océanie, les guerres de tous les Calédoniens 1914-1919, Diffusion Septentrion, Presses universitaires, Thèse à la carte, Villeneuve-d’Ascq, 2003, 888 Seiten.

Colonel de Buttet, Le bataillon du Pacifique des Ersten Weltkrieges, in Revue Historique de l’Armée, 1965, N°3, S. 119-123.

Gustave Mondain, Nos indigènes mobilisés, Société des Missions évangéliques, Paris, 1920, 147 Seiten.

Historischer Dienst des Heeres, 26 N 1968, Journal des Marches et opérations du Bataillon Mixte du Pacifique.

 

In Le Chemin des Dames, s/d Nicolas Offenstadt,
Stock, 2004, Neuauflage Tempus, Perrin, 2012
S. 377-383