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Wissenschaftlicher Bereich > Die Bedeutung der Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Weltkrieges in Australien

Die Bedeutung der Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Weltkrieges in Australien

Statue du parc mémorial australien de Fromelles
© E. Roose
Image locale (image propre et limitée à l'article, invisible en médiathèque)

In der kollektiven Erinnerung der Australier wurde Australien als Nation am 25. April 1915 bei der Landung des ANZAC (Australian and New Zealand Army Corps) an den Stränden von Gallipoli in den Dardanellen1 geboren. Weder die 60 000 Jahre der Besiedlung durch die Aboriginees noch die Kolonisierung durch die Briten ab 1788 oder die Föderation der Staaten 1901 werden als nationaler Gründungsakt angesehen, sondern die Schlacht an den Seiten der Truppen von King George V. bei der Landung in einem fernen Land, dem Ottomanischen Reich, Alliierter Deutschlands im Ersten Weltkrieg.

Auch wenn die extraterritoriale Dimension dieses nationalen Gründungsaktes heute anachronistisch erscheinen mag, stimmte sie dennoch mit der damaligen zeitgenössischen Auffassung von der australischen Nation überein2. Australien trat dort in den Reigen der Nationen ein, wo Nationen geboren werden: Auf dem Schlachtfeld! Daran änderten auch die Tatsachen nichts, dass Australien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eines der Länder war, in denen es sich am besten leben ließ (zumindest als Weißer) und in dem innerhalb kürzester Zeit eine seinerzeit echte, fortschrittliche Demokratie erblühen konnte; nur die Feuertaufe zählte wirklich3. Das von Edwardianischem Militarismus geprägte und Großbritannien kulturell wie demographisch sehr nahestehende Australien von 1914 versprach sich viel von diesem Konflikt4. Die Geschichte war gleichsam schon geschrieben und, gleich welchen Ausgang die Operation der Dardanellen nehmen sollte (in diesem Fall eine schmähliche Niederlage), der Einsatz musste zum Triumph werden. Es war das erste Mal, dass Australier mit Australiern für eine gemeinsame Sache kämpften, in einem Krieg, an dem die anderen Parteien mit langen militärischen Traditionen teilnahmen5. Seit 1916 wird daher am 25. April der ANZAC Day als Jahrestag der Schlacht mit großem Pomp begangen, nicht zu verwechseln mit dem Nationalfeiertag, dem Australia Day, der am 26. Januar als Jahrestag der Landung der ersten britischen Flotte 1788 gefeiert wird. Dennoch zieht der ANZAC Day die Massen mehr an als der Nationalfeiertag, vor allem seit Mitte der 1990er Jahre6.

Seit dem Beginn des Konfliktes werden um den australischen Soldaten regelrechte Mythen gewoben, die ursprünglich vor allem im Dienst der auch bei den anderen kriegführenden Parteien üblichen Rekrutierungspolitik und Kriegspropaganda standen7. Es handelte sich nicht nur darum, ein bestimmtes Bild vom australischen Kämpfer darzustellen, um die Freiwilligen zur Verpflichtung in der Armee zu ermutigen, sondern auch darum, die Bevölkerung zur Unterstützung des Kriegseinsatzes zu bewegen und stolz darauf zu sein. Das Phänomen war also im Großen und Ganzen alltäglich, normal, ein Mittel unter anderen, das zum Endsieg beitragen sollte. Auf dem europäischen Kontinent hielten die um die Soldaten des Ersten Weltkrieges gewobenen Mythen dem Schock der durch die Kämpfe ausgelösten Katastrophe nicht stand. Australien, das eigentlich vor dem Konflikt geschützt war, musste sich eine völlig andere Sichtweise des Ersten Weltkrieges zulegen, laut welcher der Krieg das Ereignis ist, auf dem sich der Nationalcharakter begründet. Rund um diese Darstellung wurde ein nationaler Mythos geschaffen, in dem der australische Soldat groß, stark, gutaussehend, braungebrannt, besser als alle anderen ist8. Dieser Mythos hat jedoch nichts mit der Realität der Soldaten zu tun, die an der Erschaffung dieser Rhetorik keinen Anteil hatten. Er bereitete ihnen allerdings so manches Mal Schwierigkeiten, wenn sie von ihren eigenen Kriegserlebnissen erzählen wollten9.

Trotz der Weiterentwicklung der Geschichtsforschung verklären die zahlreichen militärhistorischen Werke, die in Massen im Handel erhältlich sind, immer noch das Bild vom australischen Soldaten, auch die ständigen Ausstellungen im australischen Kriegsmuseum, im Widerspruch zur Realität in den Schützengräben10.  Dennoch wurde in den 1970er Jahren das Ende des ANZAC Day angekündigt11. Die Veteranen von 14-18 starben nach und nach, und die Teilnahme der Bevölkerung an Aufmärschen und Paraden ließ stark nach. Australien hatte sich in einer ziemlich kurzen Zeitspanne ethnisch, demographisch, sozial und kulturell verändert. Daher suchten die australischen Regierungen, Liberale wie Labour, seit Mitte der 1960er Jahre nach einer Neudefinition der australischen Identität12.

Die Feier der Landung der ersten australischen Armee, zu fast einem Fünftel auf den Britischen Inseln geborene Männer und zu einem gleichen Teil Australier mit britischen Eltern, in einem Krieg, der sein Versprechen nicht gehalten hatte, „der letzte der letzten“ zu sein, hatte ihren Sinn verloren13. Und wie konnte man in diesen australischen Mythos die „neuen Australier“ integrieren, all die Griechen, Italiener und Asiaten? Die Nation musste andere Bezugspunkte finden und sich an anderen kulturellen Referenzen orientieren.

Dennoch kann man heute mit Sicherheit behaupten, dass die Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Ersten Weltkrieges zu Ereignissen von höchster Bedeutung für das Australien des 21. Jahrhunderts werden. Im Laufe der Entwicklung des Geschichtsbildes verblasste die Legende der ANZAC-Regimenter, heilige Kuh und integraler Bestandteil des Wahlrezeptes von John Howard. Der konservative und patriotische – und manch einer würde sagen nationalistische – Premierminister von 1996 bis 2007 mit dreimaliger Wiederwahl14 widersetzte sich in allen Punkten der Definition der nationalen Identität seines Vorgängers von der Labour-Party, Paul Keating, Premierminister von 1991 bis 1996. Keating hatte ein Projekt ins Leben gerufen, genannt The Big Picture15, in dem es sich prioritär darum handelte, das Unrecht der weißen Kolonisierung an der schwarzen Urbevölkerung des Kontinents anzuerkennen, Australien an seine Handelspartner im Raum Asien-Pazifik anzunähern, und vor allem, das Land an die Staatsform einer Republik heranzuführen16. Für Keating waren die wahren Helden die Soldaten der zweiten australischen Armee, die im zweiten Weltkrieg für den Schutz des australischen Territoriums gekämpft hatten, und nicht die ANZAC-Soldaten unter britischem Kommando in einem europäischen Krieg. Dieses Geschichtsbild passte zu seinen politischen und republikanischen Projekten. Vor diesem Hintergrund der australischen History Wars berief sich Howard wieder und wieder auf die Legende des ANZAC, um die Vergangenheit Australiens als eine heroische aufzuwerten und das Land nicht als Kolonialschuldigen dastehen zu lassen17. Überdies wirkten der Tod des letzten ANZAC-Kämpfers, Alec Campbell, im Jahre 2002 und das darauffolgende landesweit zum Ausdruck gebrachte Mitgefühl wie ein Katalysator zur Begeisterung der Bevölkerung für den Ersten Weltkrieg als fruchtbarer Mutterboden für genealogische Recherchen und die Veröffentlichung zahlreicher Bücher.

Nachdem John Howard Premierminister geworden war, hielt er endlose Reden über das ANZAC, nutzte dessen Mythos, um den Irak-Krieg anzupreisen, flog nach Gallipoli und Villers-Bretonneux und tat vor allem alles, um diese Version der Geschichte der jüngeren Generation nehezubringen18. Die ANZAC-Geschichte war nach den 1930er Jahren nie wieder so populär wie seit Mitte der 1990er, als sie eine Grundlage zu einer bestimmten
(Neu-)Definition der nationalen Identität bot, so dass es für die seit 2007 regierende Labour-Party, erst mit Kevin Rudd und später mit Julia Gillard an der Spitze schwierig zu sein scheint, eine andere Sichtweise der australischen Identität vorzuschlagen ohne in Verruf zu geraten.

Zur Vorbereitung des 100. Jahrestages führte die Gillard-Regierung eine Meinungsumfrage durch, um so weit wie möglich den Erwartungen der noch von der Ära Howard geprägten Australier entgegenzukommen. Laut der landesweiten Tageszeitung The Age kostete der vom Ministerium für Angelegenheiten der Kriegsveteranen dazu in Auftrag gegebene Bericht fast $370 000 (ca. 290 000 Euro)19. Für den 100. Jahrestag hat die Gillard-Regierung ein erstes Budget von 83,5 Millionen Dollar (ca. 65 Millionen Euro)20 eingeplant. Um die Bedeutung dieser Beträge zu erfassen muss man sich vor Augen halten, dass Australien nur ungefähr ein Drittel der Einwohnerzahl Frankreichs hat. Es handelt sich also durchaus um ein bedeutendes Engagement. Dieses Budget wird zwischen einem Dutzend Projekten aufgeteilt, von denen das Government’s ANZAC Centenary Local Grants Program eines der wichtigsten ist, das ein Budget von 100 000$ (knapp 80 000 Euro) an jeden der 150 Wahlkreise des Landes21 vergibt. Es geht darum, Gedenkprojekte auf lokalem Niveau zu veranstalten, um die Bevölkerung zu beteiligen und ihre Begeisterung zu wecken. Diese Summen ziehen jedoch noch nicht einmal die hohen Beträge in Betracht, die von der australischen Regierung bereits in den Regionen Somme und Picardie ausgegeben wurden. 2010 wurde ein Budget von zehn Millionen für die Einrichtung eines australischen Gedenkparcours verabschiedet, und mehrere Millionen wurden für die Renovierung des Museums von Monsieur Letaille in Bullecourt ausgegeben. Zudem wird im Sommer 2013 in Fromelles in ein neues Museum eröffnet22.

Anmerkungen

1 Martin Crotty, « 25. April 1915: Australian troops land at Gallipoli: trial, trauma and the “birth of the Nation” », Turning Points in Australian History, Sydney, University of NSW Press, 2009, S.113. Hier werden die australischen Weltkriegssoldaten gemeinhin als ANZACs oder Diggers bezeichnet.

2 Zur Frage der Exterritorialität der australischen nationalen Gedenkstätten siehe: Elizabeth Rechniewsky, « Quand l’Australie invente et réinvente une tradition. L’exemple du débarquement de Gallipoli (April 1915) », Vingtième siècle. Revue d’histoire, 101, Januar-März 2009, S. 123-132.

3 The Oxford companion to Australian history, South Melbourne, Vic, Oxford University Press, 2001. Siehe Einleitung Democracy und ‘Economic history sowie auch Gold rush.

4 Henry Reynolds, “Are Nations really made at war?”, Marilyn Lake, What's wrong with ANZAC? The militarisation of Australian history, Sydney: University of NSW Press, 2010, S. 41 und passim.

5 In den letzten Monaten des Burenkrieges kämpften die Australier bereits unter der Flagge der Föderation. Der Erste Weltkrieg wird dennoch als erster wirklich nationaler Krieg angesehen. Robert L. Wallace, The Australians at the Boer War, Canberra, Australian War Memorial, 1976, S.3.

6 Kenneth Stanley Inglis und Jan Brazier, Sacred places: war memorials in the Australian landscape, 3. Herausg. Carlton, Vic.: Melbourne University Publishing, 2008, S. 547 und Passim.

7 John F. Williams, ANZACS, the media and the Great War, Kensington, N.S.W, UNSW Press, 1999, S.  59.

8 Der Kanon par excellence ist die Official History of Australia in the War of 1914-1918 des offiziellen Historikers C. E. W. Bean.

9 Unter anderem gibt es: Dale James Blair, Dinkum diggers: an Australian battalion at war, Carlton, Vic., Melbourne University Press, 2001. Ebenso Thomson Alistair, « A past you can live with: digger memories and the ANZAC Legend », ANZAC: Meaning, Memory and Myth, London; Alan Seymour & Richard Nile (eds), University of London, Sir Robert Menzies Centre for Australian Studies, 1991), S. 21-31.

10 Romain Fathi, Representations museales du corps combattant 14-18: L'Australian War Memorial de Canberra au prisme de l'Historial de la Grande Guerre de Péronne, Paris, L'Harmattan, 2013, 210 S.

11 Jenny Macleod, “The Fall and Rise of ANZAC Day: 1965 and 1990 Compared”, War & Society, Band 20, Nummer 1, S. 149-168.

12 Gegenstand der Studie von James Curran und Stuart Ward, The unknown nation: Australia after empire, Carlton, Vic., Melbourne University Press, 2010.

13 Diese Zahlen kann man bei Elizabeth Greenhalgh nachlesen, « Australians broke the Hindenburg line », Craig Stockings, Zombie myths of Australian military history, Sydney, University of New South Wales Press, 2010, S.71. Ebenso: Joan Beaumont, Australia's war, 1914-18, St. Leonards, N.S.W, Allen & Unwin, 1995, S.7.

14 James Jupp, « immigration and multiculturalism », Howard's second and third governments: Australian Commonwealth administration 1998-2004, Sydney, NSW Press, 2005, S.173-188. Siehe auch: Kapitel 6, James Curran, The power of speech: Australian Prime Ministers defining the national image, Carlton, Vic., Melbourne University Press, 2004, S. 316-356.

15 Die Details des Programms sind aufgeführt in: Advancing Australia: the speeches of Paul Keating, Prime Minister, Sydney, N.S.W, Big Picture Publications, 1995.

16 Offizieller australischer Staatschef ist Königin Elizabeth II. In ihrer Abwesenheit wird sie durch einen Generalgouverneur vertreten, den sie auf Vorschlag vom Premierminister ernennt; dieser wird seinerseits vom Stimmvolk gewählt.

17 Zu diesem Thema gibt es ein umfangreiches Werk: The history wars, Carlton, Vic, Melbourne University Press, 2004.

18 Marilyn Lake, “How do schoolchildren learn about the spirit of ANZAC?”, What's wrong with ANZAC?: the militarisation of Australian history, 1. Ausgabe., Sydney, University of New South Wales Press, 2010, S. 135-167. Siehe auch: M. McDonald, ""Lest We Forget": The Politics of Memory and Australian Military Intervention," International Political Sociology 4, Nr. 3, 2010, S. 287-302.

19 “ANZAC Day ‘just a party for drunk yobbos’ – Aussie attitude study”, The Age, 26. März 2012.

20 Pressemitteilung. “Prime Minister Assessing The Centenary of ANZAC”, 24. April 2012. Ministerium für Veteranenangelegenheiten: http://minister.dva.gov.au/media_releases/2012/apr/jointcentenary.htm eingesehen am 10. März 2013.

21 Pressemitteilung. “ANZAC Centenary Local Grants Program. Guidelines”, 31. May 2013, Site australien officiel de  la commission du centenaire: http://www.anzaccentenary.gov.au/grants.htm eingesehen am 10. März 2013.

22 Siehe: http://nord-pas-de-calais.france3.fr/info/musee-de-fromelles--ouverture-en-juillet-2013-75618870.html