Den Centenaire erleben
Den Centenaire entdecken
Den Centenaire verstehen
Den Centenaire erleben
Den Centenaire entdecken
Den Centenaire verstehen
Wissenschaftlicher Bereich > Auf der Suche nach den russischen Brigaden in französischen Militärarchiven

Auf der Suche nach den russischen Brigaden in französischen Militärarchiven

Octobre 1916, les généraux Gouraud et Lokhvitsky passent en revue la 1ère brigade russe à l’entrainement au camp de Mailly.
© Collection Andreï Korliakov (France)
Image locale (image propre et limitée à l'article, invisible en médiathèque)

Zwischen 1892 und 1894 unterzeichneten und ratifizierten Frankreich und Russland eine militärische Vereinbarung, die in der öffentlichen Meinung beider Länder bald zur „Französisch-Russischen Allianz“ wurde. Sie sah im Wesentlichen für den Kriegsfall eine gemeinsame Mobilmachung und einen gemeinsamen Aufmarsch gegen die Länder des Dreibundes vor, und schloss jede Möglichkeit zu einem Sonderfrieden aus.

Als der Krieg ausbricht, entfaltet die Vereinbarung ihre volle Wirksamkeit. Die rasche Mobilmachung eines Teils des russischen Heeres und dessen erster Sieg gegen Deutschland in Gumbinnen bedeuten wahrscheinlich die Rettung für Frankreich kurz vor der Schlacht an der Marne. Im August des Jahres 1915, das zu dem Jahr mit den meisten Kriegstoten werden sollte, was beide Länder allerdings noch nicht wissen, werden in Frankreich und Großbritannien die Männer knapp. In Paris wie in London weckt Russland, das bevölkerungsreichste Land Europas, Begehrlichkeiten. Verfügt Russland nicht etwa über 17 Millionen Männer, die mobilisiert werden können? Könnte Russland nicht Männer in den Kampf an die Westfront schicken? Die diplomatischen Demarchen und Verhandlungen beginnen. Die Stavka, der russische Generalstab, hält nicht viel von der Entsendung russischer Soldaten auf französischen Boden. Zar Nikolaus II entscheidet gegen die Ansicht der Stavka. Im Mai 1916 wird ein Protokoll unterzeichnet, in dem festgelegt wird, dass vier russische Brigaden mit einer Stärke von ungefähr 40.000 Mann an die Front nach Frankreich und Saloniki versetzt werden. Diese Soldaten sollten an den Höhen und Tiefen des „französischen Krieges“ mit den Nivelle-Offensiven von 1917 teilhaben, die Wirren und der Revolutionszeit durchmachen, deren Qualen sie aus der Ferne nachempfinden, und den Tod in ihren Reihen treffen.

Während dieser gesamten „französischen Periode“ entstanden zahlreiche Dokumente, die von der Verwaltung des Kriegsministeriums, vom Generalhauptquartier und anderen Dienststellen aufbewahrt wurden. Diese Dokumente liegen heute in etwa 200 Archivkartons, die im Dienst der Geschichte der Landesverteidigung aufbewahrt werden. Diese Archive enthalten einen wesentlichen Teil der Erinnerungen der russischen Soldaten, die im Krieg auf französischem Boden kämpften. Wir geben Ihnen hier einen kleinen Einblick in diese Archive.

Zu den französischen Militärarchiven und zur Dokumenttypologie

In Frankreich werden die Akten der Militärarchive nach drei einfachen Prinzipien abgelegt und sortiert. Erstes Prinzip ist die Chronologie, ohne jeden Kommentar. Nach dem zweiten Prinzip werden alle Dokumente im Archiv der Ausgabestelle des Dokumentes aufbewahrt, das heißt, dass zum Beispiel eine vom Chef des slawischen Büros des Generalhauptquartiers an General Lokwitzki geschickte Depesche auch im Archiv des slawischen Büros des Generalhauptquartiers aufbewahrt wird. Umgekehrt wird ein vom Baron Laguiche, dem französischen Militärattaché in Petrograd an das 2. Büro des Generalhauptquartiers gesendetes Protokoll im Archiv des Militärattachés aufbewahrt, und nicht im Archiv des Hauptquartiers. Dieser Punkt der Methode ist wichtig, denn er leitet die Suche a priori zu dem Archivbestand, in dem sich das gesuchte Objekt auch befindet.

Es gibt eine interessante Ausnahme, die die Franzosen mit den Russen gemein haben. Die Verwaltungen beider Länder mögen die Bürokratie und verehren Hierarchien, trotz allen gegenteiligen Anscheins. Die Konsequenz daraus ist ein Glücksfall für Historiker, denn ein Dokument, das im Laufe der Jahrzehnte und der Unwägbarkeiten der Geschichte im Archiv seines Autors verschwunden ist, kann sich manchmal im Archiv seines Empfängers wieder anfinden, aus dem einfachen Grund, weil der mit der Archivierung beauftragte Unteroffizier erwogen hatte, dass er ein Dokument einer französischen, oder in diesem Fall russischen Behörde nicht so einfach vernichten könne. Das dritte Prinzip ist das wichtigste, denn es bestimmt die Ablagekriterien für die Archivierung, und damit die Bedingungen, zu denen eine Recherche stattfindet. Die Sortierung der Militärarchive spiegelt in ihrer aus den Inventaren ersichtlichen internen Organisation im Wesentlichen die politische Organisation des Staates und der Armee in der III. Republik wider, mit dem Staatspräsidenten, dem Ratspräsidenten, dem Kriegsminister und seinem Kabinett, den Obersten Räten, dem Generalstab der Armee, ... an der Spitze, und den Archiven der Einheiten, Armeen, Armeekorps, Divisionen, Brigaden, Regimenter etc. an seiner Basis. Daraus folgt, dass eine Recherche zur Militärpolitik, zu Allianzen, zu Kriegsplänen in den „ersten“ Archivserien stattfindet, dass eine Recherche zu den Beziehungen zwischen dem Generalhauptquartier und der Stavka zur Entsendung russischer Truppen nach Frankreich und Saloniki in den „mittleren Serien“ fündig wird, dass die Akten zur Verwaltung der Brigaden in Frankreich im Archiv des 1. Büros des Generalstabs abgelegt sind, und dass der Einsatz der Brigaden an der Front im Archiv der Armeen dokumentiert ist, denen sie angegliedert waren, das heißt, in den letzten Inventarserien.

Dokumenttypen und Archivumfang

Bei der Suche in den Inventaren der Archive des Ersten Weltkrieges fanden wir unter ca. 11 000 durchsuchten Archivkartons (Serien 1 N bis 20 N) 220 bis 240 Kartons, die a priori Informationen über die Brigaden enthalten. Diese Informationen sind manchmal zwischen einer großen Menge anderer Informationen verstreut, wobei zum Beispiel ein einzelnes Telegramm aus Petrograd zwischen Hunderten von militärischen und diplomatischen Depeschen untergegangen sein kann. Sie bilden manchmal zusammenhängende Einheiten, die aus mehreren bis mehreren Dutzend Kartons mit aufeinanderfolgenden Seriennummern bestehen und „fast nur“ Informationen über die Brigaden enthalten. Das ist der Fall bei der Militärbasis von Laval, den wir weiter unten im Text erwähnen.

Aus typologischer Sicht gehen die vorhandenen Dokumente vom privaten Brief und dem diplomatischen Telegramm von einigen Zeilen bis zum politischen Dossier von mehreren Dutzend Seiten. Bei einer Einordnung dieser Dokumente können folgende Typen unterschieden werden

  • Dokumente in russischer Sprache, die vielleicht seit Kriegsende noch nie eingesehen wurden: Diverse Dokumente in russischer Sprache (17 N 585), bei denen unbekannt ist, ob sie die Brigaden betreffen,
  • Zeitungen bzw. Zeitungsausschnitte auf Russisch: Alliierte Zeitungen (russische, serbische, belgische, italienische), in Frankreich bzw. im Ausland veröffentlicht, 1914-1918 (5 N 396),
  • Briefe: Briefe in russischer Sprache, 1917-1918 (16 N 1564),
  • Verzeichnisse und Dokumente der militärischen Organisation: Tabellen mit Mannstärken der russischen und französischen Truppen, Telegramme betreffs der 1. russischen Brigade, Korrespondenz mit dem Generalhauptquartier,… (7 N 390),
  • Operative Dokumente: Verteidigungspläne der französischen Ostarmee, des italienischen Expeditionskorps und der 2. russischen Infanteriedivision, serbische Verteidigungspläne und Luftverteidigungspläne, Juni 1917 - September 1918 (20 N 587-588),
  • Verwaltungsdokumente allgemeiner Art: Tagesbefehl anlässlich der Ankunft der russischen Truppen in Frankreich , 23. April (16 N 1681), Briefe an den Außenminister, insbesondere zur Moral der russischen Truppen in Frankreich, 9. Juni 1917 (16 N 3059), Befehl von General Palizin an die russischen Truppen in Frankreich (16 N 3180),
  • Geheimdienstberichte: Berichte zur „Liga der vaterlands- und allianztreuen Russen“, Spaltung zwischen dieser Liga und der „Union der russischen Patrioten und Freunde der Entente“, Statut der  „Liga für die Regeneration Russlands in Vereinigung mit den Alliierten“, November 1917 - Oktober 1918, (7 N 616),
  • Geheimdienstbulletins, genannt Vierzehntägige Informationsbulletins: Vierzehntägiges Informationsbulletin Nr. 11631 über die Beziehungen zwischen den russischen Truppen und der Bevölkerung im Laufe des Sommers 1917 (7 N 754),
  • Berichte der Präfekten und Monatsberichte des frz. Inlandgeheimdienstes Sûreté Générale an das Kriegsministerium über russische Revolutionäre in Frankreich in den Jahren 1917 und 1918 (16 N 1539),
  • Depeschen des Außenministeriums an das Kriegsministerium zum Gegenstand der sowjetischen Proteste gegen die Behandlung der in Mazedonien kämpfenden russischen Einheiten und Forderung nach der Heimkehr aller russischen Truppen, 17. Januar 1919 (5 N 181),
  • Komplette politische Dossiers wie z.B. an den Ministerrat, mit dem Gegenstand, unter anderem, der Entsendung der Truppen nach Frankreich, [und des] Eindrucks, den die Anwesenheit russischer Truppen in Frankreich in Russland selbst erzeugt.

Eine zusammenhängende Einheit, der Fall des Archivs der russischen Militärbasis Laval

Die hier aufgeführten Dokumente tauchten entweder vereinzelt innerhalb der 200 erwähnten Kartons oder in einer Reihe aus einem oder zwei Kartons auf, oder auch in zusammenhängenden Einheiten von bis zu 20 Kartons. Diese letztere Möglichkeit, die interessanteste an sich, ist auch die seltenste. Das sogenannte Archiv der russischen Militärbasis Laval mit 20 zusammenhängenden Archivkartons (16 N 632 – 652) ist ein gutes und seltenes Beispiel dafür, laut Angaben des Kriegsarchivinventars 1914-1918 (Serien 15 N bis 20 N) nicht nur zum Thema der Basis in Laval, sondern für „alle Fragen zum Thema Russen in Frankreich, Nordafrika und im Orient von 1917 bis 1924“. Diese zwanzig Kartons enthalten, man kann es sich denken, viele administrative Informationen über das Leben der Basis Laval von ihrer Gründung im Jahr 1917 bis zu ihrer Auflösung 1920. Die Aktennotizen zur Organisation, die Untersuchungen zum Status der Russen in Frankreich werden durch interessante und einmalige Dokumente zu finanziellen Fragen, zur Militärjustiz oder zur Disziplin ergänzt. Das Archiv bietet zudem interessante Informationen zu internen und externen politischen Fragen aus den Jahren 1917 bis 1924.

Diese Informationen betreffen in erster Linie das Bild, das man in Frankreich von Russland in der revolutionären Phase hatte, mit politischen, wirtschaftlichen und militärischen Nachrichten über Russland, die Lage und geistige Haltung der Menschen in der Ukraine, die Entwicklung in Odessa, die Meinungen in Sibirien etc.,… (16 N 651). Sie richten ihre Aufmerksamkeit insbesondere auf die antibolschewistische Propaganda unter den Russen in Frankreich (16 N 642), den Kampf gegen den Bolschewismus (16 N 644) und die Mittel, die in Frankreich anwesenden Russen in diesen einzubinden, wobei die Frage der für General Denikin in den Orient entsandten russischen Offiziere (16 N 645) angesprochen wurde. Zum Thema der russischen Präsenz in Frankreich geht ein Archivbestand genauer auf die russischen Offiziere in Frankreich und Nordafrika 1919-1920 (16 N 635) ein, auf die russischen Arbeiter in Frankreich (16 N 637-638), auf das russische Forstkommando (16 N 640) und auf die Spezialabteilungen, die aus den Gefangenen Soldaten der Île d’Aix (16 N 641) bestehen. Wir erwähnen hier auch einen Originalkarton über die Funktion des russischen Sanitätswesens in Frankreich, in Saloniki und in Algerien (16 N 640), das seinen Dienst bis 1924 fortsetzt. Es gibt zudem eine Reihe von Kartons mit Dokumenten über das Ende des Krieges, die von der Demobilisierung der russischen Truppen (16 N 649-650) und der Rückkehr der deutschen Kriegsgefangenen handeln, von denen einige wahrscheinlich den Brigaden angehörten (16 N 638 – 640), von der Heimkehr (16 N 646 – 648) und von Fragen der Anwerbung für die Fremdenlegion, die französische Armee oder… die amerikanische Armee (16 N 641 – 643). Außerdem sind auch noch mehrere Kartons mit Dokumenten zur Ankunft von russischen Bürgerkriegsflüchtlingen in Frankreich und ein Karton über die Auflösung der Militärbasis von Laval vorhanden.

Im Laufe der einzelnen Kriegsjahre angesammelte Dokumente

Aus dem Archiv geht hervor, dass noch vor der Ankunft der Brigaden in Marseille ein französisches Interesse zur Rekrutierung von russischen Freiwilligen für den Dienst in der Fremdenlegion bestand, ohne dass es aus übrigens ausreichend bekannten politischen Gründen immer möglich gewesen wäre, eindeutig festzustellen, ob diese Freiwilligen „Polen“ oder „Russen“ waren, wie es ihre Angaben verlauten ließen. Spuren dieses Phänomens findet man im Archivbestand Poincaré, in dem ab 1914 insbesondere „die polnischen und russischen Legionäre“ erwähnt werden, wie auch die Ereignisse vom 18. Juni 1915 im 2. Fremdenregiment in Courlandon an der Marne. Dieses Archiv, mit begrenztem Inhalt für die Jahre 1914 und 1915,  wird für 1916 aufschlussreicher. Die Dokumente setzen ihre Prioritäten in den Bereichen Transport (16 N3056), Ausbildung (16 N 3015) und Einsatz der russischen Soldaten auf französischem Boden (19 N 1397-1399) und später in Saloniki (16 N 3057, 20 N 133-134).

Von Zeit zu Zeit finden sich in den Kartons Originaldokumente wie .B. eine Befragung zu den Prügelstrafen, die gegen die in Frankreich dienenden russischen Soldaten verhängt werden (16 N 3018). In einem anderen Register geht es um die Überwachung der Moral der russischen Truppen, deren Zustand ab April 1916 aufmerksam überwacht wird. Die Dokumente zum Jahr 1917 verfolgen Schritt für S~chritt den Weg der Brigaden mit ihrem Einsatz an der Front, die Forderung ihres Rückzugs aus dem Armeebereich (16 N 1686), weitere Befragungen zu ihrer Moral (16 N 3059), sowie zu den realen und imaginären Auswirkungen der Revolutionspropaganda bis hin zu den bekannten Ereignissen der russischen Meuterei von La Courtine. Bemerkenswert dazu ist die Beunruhigung der provisorischen russischen Regierung, die unter Befürchtung der Auswirkungen der Heimkehr der russischen Truppen aus Frankreich auf die Moral verlangte [am 30. Juli 1917], diese nach Saloniki zu versetzen (16 N 1507).

Das Jahr 1918 ist vom Auseinanderbrechen der Brigaden gekennzeichnet, mit Informationen über die Verwendung der russischen Offiziere und Soldaten, die in der französischen Armee dienen wollen (16 N 3060), die Zuteilung der Soldaten zur russischen Legion, zu den Einheiten der Arbeitssoldaten sowie zu den nach Algerien versetzten oder auf der Île d’Aix inhaftierten Einheiten. Bemerkenswert ist auch, wie die neuen bolschewistischen Machthaber die Brigaden aus der Ferne zu Propagandazwecken ausnutzen, als im Juni 1918 das Volkskommissariat für Auswärtige Angelegenheiten bei der französischen Regierung gegen die Behandlung der russischen Soldaten in Frankreich protestiert. Die Archivunterlagen aus dem Jahr 1919 rücken dann die verschärften sowjetischen Proteste gegen die Behandlung der russischen Kontingente in Mazedonien (5 N 181) und die Frage der Rücksendung in den Vordergrund, vor allem zur Heimkehr in die Heimatstädte und -dörfer, aber auch um sich in die Armeen der Weißgardisten einzureihen oder sich den bolschewistischen Machthabern anzuschließen, worüber Denikin beunruhigt war, der bei den Alliierten am 24. Dezember 1919 die Bedrohung durch die Ankunft der russischen Soldaten aus Frankreich in Odessa anspricht. Für diese Zeit erwähnt das Archivmaterial zum letzten Mal die freiwilligen Meldungen von Russen für die Fremdenlegion, die genauestens zu prüfen sind, interessiert sich für den der russischen Legion zugeteilten Proviant (16 N 1600-1601) und für die in Frankreich gebliebenen russischen Soldaten (12 N 3).