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Die Ausstellung "Krieg und Wahnsinn"

Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Adolf Nesper, 1905/14.
© Sammlung Prinzhorn, Universitätsklinikum Heidelberg
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2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal – Zeit, einmal eine ganz andere Sicht auf diese entscheidende Zäsur des 20. Jahrhunderts zu wagen. Bislang hat sich die (medizin-)historische Forschung vor allem auf seelisch traumatisierte Soldaten konzentriert. Wie aber nahmen „zivile“ Psychiatriepatienten und -patientinnen das militärisch geprägte deutsche Kaiserreich und den Krieg 1914-1918 wahr? Was erzählen Bildwerke, die zwischen 1890 und 1925 in psychiatrischen Anstalten geschaffen wurden, über Militär und Krieg?

Die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg

Die Heidelberger Sammlung Prinzhorn gilt als eines der ungewöhnlichsten Museen der Welt. Sie beherbergt Tausende von Bildwerken, die Patientinnen und Patienten seit Ende des 19. Jahrhunderts in psychiatrischen Anstalten geschaffen haben: Faszinierende Kunst, die ganz für sich stehen kann, die wie alle kulturellen Zeugnisse aber auch historische Rückschlüsse auf ihre Entstehungszeit ermöglicht. Im Rahmen des von der VW-Stiftung geförderten Forschungsprojekts „Uniform und Eigensinn. Militarismus, Krieg und Kunst in der Psychiatrie“ hat ein interdisziplinäres Team in Heidelberg die Sammlungsbestände neu gesichtet und rund 120 Werke für die Ausstellung "Krieg und Wahnsinn" zusammengestellt. Die Ausstellung wird ab 6. Juni erstmals in Dresden im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (MHM) gezeigt.  

Das Militärhistorische Museum der Bundeswehr (MHM) in Dresden

Das MHM ist auf seine Art nicht weniger außergewöhnlich: ein deutsches Militärmuseum, das sich nicht nur an Soldaten und militärhistorisch Interessierte richtet, sondern kritisch eine Kulturgeschichte der Gewalt erzählt, die alle angeht. Nach einer grundlegenden Neukonzeption und mit einem architektonischen Erweiterungsbau des Architekten Daniel Libeskind öffnete das MHM 2011 seine Pforten. Ein 30 Meter hoher Keil schiebt sich mitten durch das neoklassizistische Arsenalgebäude aus dem 19. Jahrhundert und symbolisiert, wofür auch die inhaltliche Ausrichtung des Museums steht: Multiperspektivität, Brechungen und das Öffnen von Denkräumen. Insofern sind auch die oft als Outsider-Kunst bezeichneten Werke von Menschen aus psychiatrischen Einrichtungen kein Fremdkörper im MHM. Sie werden zu einem zunächst irritierenden Element der Gesamtkonzeption, erweitern alte und erschließen neue Perspektiven.

Die Ausstellung "Krieg und Wahnsinn"

In der Ausstellung "Krieg und Wahnsinn" lassen Werke von rund 60 Patientenkünstlern und einigen Patientenkünstlerinnen auf ungewöhnliche Weise die militärverliebte, technikbegeisterte Gesellschaft des deutschen Kaiserreiches 1871 bis 1918 fassbar werden, entziehen sich aber auch immer wieder historisch eindeutigen Zuschreibungen. Es liegt oft im Auge des Betrachters, wo sich im Spiegel der Bilder der ganz normale kriegerische Wahnsinn des wilhelminischen Zeitalters zeigt, wo sich individuelle, "ver-rückte" Vorstellungswelten öffnen und wo einfach wunderschöne, verblüffende oder verstörende Kunstwerke zu finden sind. In vier thematisch-chronologisch gegliederten Abschnitten können Besucherinnen und Besucher die Werke der Sammlung Prinzhorn entdecken:

Militarisierte Gesellschaft

Viele Werke entstanden aus dem Wunsch ihrer Schöpfer nach Teilhabe an der Normalität außerhalb der Anstaltsmauern. Die Achtung vor Uniform und Orden zeigt sich ebenso wie Respekt und Ehrfurcht vor gekrönten Häuptern und militärischen Rängen. Sie führten zu eigenwilligen, teils grotesken bildlichen Huldigungen. Einige der wenigen Werke von weiblichen Insassen zum Themenkomplex schließen sich hier an. Zugleich mag die stete Erinnerung an das Militär die Kritik der Anstaltsinsassen daran besonders geschärft haben. Rollenmuster und Auswüchse einer militarisierten Gesellschaft wurden oft mit beißendem Spott bloßgestellt.

Militärische Träume

Andere Anstaltsinsassen gaben sich in ihren Bildern selbst eine militärische Identität und kompensierten so Traumatisierungen und Kränkungen. Mit Uniform und Ordensschmuck rückten sie sich in Sphären der Achtung und des Respekts, für manche gehörte die militärische Ausstattung sogar zum Ausweis des Überirdischen. Im Kontrast dazu stellten andere in uniformierten Selbstbildern ihre Verletzlichkeit heraus, ihr Scheitern an gesellschaftlich vorgegebenen Rollen. Oder sie nutzten soldatische Versatzstücke zur gänzlichen Entrückung aus der Realität in traumartigen Szenen reiner und sinnfreier militärischer Ordnungen und Rituale.

Krieg

Die psychiatrischen Anstalten des Kaiserreichs lagen zumeist fern von den eigentlichen Schauplätzen des Ersten Weltkriegs, doch malten sich die Insassen auf vielfältige Weise das Geschehen und seine Details aus, nicht zuletzt unterstützt durch Illustrationen in der Presse. Vielfach stand hinter diesen Vorstellungen das schmerzliche Bedauern, sich nicht aktiv beteiligen zu können, zumal einige von ihnen sogar hofften, dass der Krieg zu ihrer Befreiung führen würde. Sie erdachten technische Erfindungen und arbeiteten sich − nicht erst seit 1914 − an Kampf- und Schlachtendarstellungen ab.

Während des Ersten Weltkrieges wurden die Lebensverhältnisse in den psychiatrischen Anstalten immer schlechter.  Zehntausende von Anstaltspatienten und -patientinnen starben an den in Folge der Unterernährung. Wer bettlägrig, krank und hungrig war, hat wohl kaum mehr gezeichnet, und doch gibt es einige wenige Arbeiten, in denen der Hungerwinter 1916/17 und die Not der folgenden Jahre durchscheinen.

Frieden

Die Reaktionen auf das Ende des Ersten Weltkrieges waren innerhalb der deutschen Anstaltsmauern so vielfältig wie außerhalb. Die einen zeigten − teils verfrühte − Freude und Erleichterung, andere schmerzte der Versailler „Schmachfrieden“ und die damit verbundenen Gebietsverluste. Wieder andere dachten schon während des Krieges an den Neuanfang und entwarfen Brücken zur Völkerverständigung. Das Gedenken an die Tausende gefallener Männer verlangte in den Augen mancher nach allegorischer oder mythologischer Einkleidung. Die meisten litten unter der traumatischen Erfahrung des Kriegs, die nicht nur bei Soldaten lange nachwirkte, und dem Verlust geliebter Angehöriger. Der Tod blieb allgegenwärtig.

Die Ausstellung wird unter dem Titel "Uniform und Eigensinn. Militarismus, Krieg und Kunst in der Psychiatrie" vom  3. Oktober 2014 – 1. Februar 2015 auch im Museum Sammlung Prinzhorn in Heidelberg gezeigt.