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A propos des Ersten Weltkriegs > Werke für die linke Hand, von Maxime Zecchini

Werke für die linke Hand, von Maxime Zecchini

Paul Wittgenstein
© Collection Joan Ripley
Image locale (image propre et limitée à l'article, invisible en médiathèque)

Die Idee, sich mit diesem Repertoire zu beschäftigen, kam dem Pianisten Maxime Zecchini vor einigen Jahren, als er zum ersten Mal das Concerto für die linke Hand von Ravel studierte, dem kriegsinvaliden Pianisten Paul Wittgenstein (1887-1961) gewidmet, der das Stück beim Komponisten bestellt hatte.

Würdigung des Repertoires eines Kriegsinvaliden

Paul Wittgenstein wird in einer vermögenden Industriellenfamilie in Wien geboren. Er wächst in einem musikbegeisterten Umfeld auf und widmet sich dem Klavier; sein Debüt beim Wiener Musikverein 1913 ist bemerkenswert. Der Krieg unterbricht seine vielversprechende Karriere. Als Reserveleutnant der österreich-ungarischen Dragoner wird Wittgenstein in der ersten Augustwoche bei einem Angriff in Polen verletzt und gerät in russische Gefangenschaft. Als zwei Tage später sein Leben durch seine Verletzung bedroht wird, entscheidet ein russischer Feldscher, ihn zu amputieren. Nach seiner Heimführung nach Wien durch das Rote Kreuz zu Weihnachten 1915 meldet er sich wieder an die italienische Front, als Generalstabsoffizier und Adjutant eines Generals, wo er bis zum Kriegsende 1918 bleibt.

Mitten im Krieg, während seiner Konvaleszenz, beschließt er, trotz seiner Amputation seine Karriere als Pianist fortzusetzen. Noch als Kriegsgefangener der Russen im Lager von Omsk beginnt er, wieder Klavier zu spielen, ab 1916 nimmt er seine Aktivität als Konzertpianist wieder auf und wird seither als „der linkshändige Pianist“ bezeichnet.

Nach 1918 spielt der schwer vom Krieg gezeichnete Wittgenstein zahlreiche, bei bekannten Komponisten in Auftrag gegeben Werke (insgesamt vierzig), darunter Ravel, Prokofiev und Britten.

Drei vom Ersten Weltkrieg gezeichnete Komponisten

Als der das Concerto für die linke Hand komponiert, ist Maurice Ravel (1875-1937) mehr denn je, um mit einer Formulierung Debussy zu sprechen, ein „Mann von einem anderen Stern“, trotz des Erfolges seines Boléro.

Er nutzt den Auftrag von Paul Wittgenstein, um seine eigenen Erinnerungen als Sanitäter an der Front im Ersten Weltkrieg wiederzubeleben. Es würde die heftigste Musik werden, die Ravel jemals schreiben sollte, geprägt von den Schatten der Schützengräben, die er loswerden wollte.

Die große Pianistin Marguerite Long sagte über dieses Concerto: „Alles ist grandios, monumental, monströs, Horizonte stehen in Flammen, die vielfachen Tod bringen und die Leichen verzehren, den menschlichen Geist verschlingen, Massen von Soldaten mit Angst- und leidverzerrten Gesichtern. Und dieses kolossale Fresko in den Dimensionen eines ausgebrannten Universums wird von den fünf Fingern der linken Hand umgepflügt, der Königin der bösen Vorzeichen“.

Benjamin Britten (1913-1976) war ebenfalls stets sehr sensibel für die Schrecken des Ersten Weltkrieges, denen er drei Werke widmete, darunter eines seiner berühmtesten Stücke, das War Requiem: Eine Meditation, manchmal extrem schmerzreich, über die in den Kämpfen Gefallenen, entstanden in einer Stimmung der Versöhnung und der gemeinsamen Pflicht aller Völker, eine Neuauflage eines solchen Konfliktes unter allen Umständen zu verhindern.

Sergej Prokofjew (1891-1953), Pianist und Komponist, wählt das Exil und die Reisen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, um der Mobilmachung im Ersten Weltkrieg zu entgehen. In dieser Zeit komponiert er die Suite Scythe und seine berühmte Klassische Symphonie. Das Concerto Nr. 4 Opus 53 spiegelt Eindrücke eines ungestümen Unwetters wider, aber auch Spannung und Verzweiflung; in diesem einmaligen Werk wechseln sich „Quietschgeräusche“ mit lyrischen Melodien und komplizierten Dissonanzen ab. Seine Orchestrierung von luftiger Schönheit und seine anziehende Phantasie geben ihm eine starke und zugleich reizende Persönlichkeit.

Werke, die die immensen Möglichkeiten der linken Hand unter Beweis stellen

Der Eindruck, zwei Hände zu hören, obwohl nur fünf Finger der linken Hand spielen, scheint ein echtes Wunder zu sein. Ein Stück nur für die rechte Hand hätte eine größere Schwierigkeit: Die starken Finger müssten die Begleitung spielen, und die schwachen Finger die Melodie.

Um ein Werk mit der linken Hand zu interpretieren muss der Pianist seinen Sessel leicht nach rechts verschieben, um die hohen Töne des Klaviers zu erreichen, ohne seinen Körper zu sehr zu verdrehen.

Eine subtile Anwendung der Pedale ist außerdem erforderlich, um die Bässe zum Klingen zu bringen und den Eindruck zu erzeugen, dass die gesamte Tastatur von beiden Händen bespielt wird.

Zudem ist die Unabhängigkeit jedes einzelnen Fingers sehr wichtig, denn die Stücke verlangen, dass die Klangfarbe der Noten der Melodie moduliert wird, wobei die Begleitung gleichzeitig im Hintergrund bleiben muss. Daher muss beim Einüben eines Stückes die Kraft jedes Fingers individuell trainiert werden.

Schließlich darf man die Bedeutung eines geschmeidigen und entspannten Spiels nicht vernachlässigen, denn die Müdigkeit gewinnt schneller die Oberhand, wenn nur ein Arm die ganze Intensität und den ganzen Schwung eines Musikstücks erzeugen soll.

Außer dem Streben nach technischer Perfektion der linken Hand und dem Wunsch, das Publikum durch noch nie dagewesene Leistungen zu beeindrucken liegt das Wesen dieses Repertoire in der dramatischen Dimension des Verhältnisses zum Ersten Weltkrieg, dessen Schrecken es erst geschaffen haben.

Das Projekt einer Anthologie in vier Teilen

Diese erste Anthologie in vier Teilen erscheint unter dem Label Advitam Records und wird weltweit von Harmonia Mundi vertrieben. Die Sammlung umfasst die repräsentativsten Klavierwerke dieses Repertoires sowie die drei berühmtesten Paul Wittgenstein gewidmeten Konzerte für Klavier und Orchester. Die CDs sind auch getrennt erhältlich.

Bibliographie

AUDOUIN-ROUZEAU Stéphane, BUSCH Esteban, CHIMENES Myriam und  DUROSOIR Georgie, La Grande Guerre des musiciens, Lyon, Verlag Symétrie, 2009.

PREDOTA Georg, JANIK Allan und SUCHY Irene (dir.), Empty Sleeve: Der Musiker und Mäzen Paul Wittgenstein, Innsbruck, Studienverlag, 2006.

SINGER Lea, Konzert für die Linke Hand, Hamburg, Verlag Hoffmann und Campe, 2008.