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A propos des Ersten Weltkriegs > Kleiner historischer Abriss des falschen erleuchteten Paris von Fernand Jacopozzi

Kleiner historischer Abriss des falschen erleuchteten Paris von Fernand Jacopozzi

Simulation du faux Paris lumineux de Fernand Jacopozzi (image de synthèse, Gaspard Vivien). Plan du faux Paris, zone B’, L’Illustration n° 4048, 2 octobre 1920, p. 245, droits réservés. Détail du projet du faux Paris sur le méandre de la Seine entre Mais
© Xavier Boissel, Didier Vivien, Gaspard Vivien
Image locale (image propre et limitée à l'article, invisible en médiathèque)

Gegen Ende des Ersten Weltkrieges, um 1917, beschließt der französische Generalstab die Planung einer Replik von Paris und seiner Umgebung, das die deutschen Piloten täuschen soll, die den Großraum Paris bombardieren wollen.

Seit 1915 werden die Hauptstadt und ihre Umgebung hauptsächlich von Zeppelinen bombardiert. Aber am 30. August 1914 fliegt eine „Taube“ (deutscher Eindecker) über Paris, wirft vier Bomben ab – die niemanden verletzen oder töten – sowie zahlreiche Flugblätter und eine deutsche Flagge. Ziel dieses Luftangriffs ist nicht Opfer zu hinterlassen (die Bomben wiegen nur zwei Kilo), sondern zur sogenannten „psychologischen Kriegsführung“ beizutragen. Weitere seltene Angriffe erfolgen über der Hauptstadt bis zum Juli 1915 und verursachen keine größeren Schäden (die Flugzeuge verfügen noch nicht über Zielvorrichtungen); ihr Ziel besteht vor allem darin, das „Hinterland“ zu demoralisieren. Man mag glauben, dass diese ersten Luftangriffe die Pariser Bevölkerung in kollektive Panik versetzen, aber das stimmt nicht: „Die Pariser sind eher neugierig als ängstlich. Sie bewaffnen sich mit Ferngläsern und warten auf Boulevards und Plätzen auf die Angreifer. Und besser noch! Die Höhen der Stadt sind voll von Schaulustigen, die auf die täglichen ‚Tauben’ am Pariser Himmel warten und auf dem Hügel von Montmartre werden Stühle und Ferngläser vermietet.”1

Die Bedrohung vom Himmel

Aber diese sorglose, wenn nicht gar leichtfertige Haltung sollte sich rasch ändern: Der Luftkrieg macht in knapp zwei Jahren beträchtliche technische und taktische Fortschritte. Die Ankunft am Himmel von Zeppelinen 1915 und ab Januar 1918 von Bombern des Typs „Gotha“ ändert alles.

Lange Zeit hielt sich die Idee, dass das „Hinterland“- die Städte weit hinter der Front und ihre Einwohner – außerhalb der Reichweite des Feindes waren, aber weit gefehlt: Während der zweiten Hälfte des Krieges gab es eine reale Bedrohung vom Himmel. Ab 1915 -  in dem Moment, in dem Europa in den „totalen Krieg“ abgleitet – beschließt der deutsche Generalstab die Bombardierung französischer und britischer Städte, um die Moral der Zivilbevölkerung zu untergraben. Bis 1917 erfolgen die deutschen Bombardierungen hauptsächlich von Zeppelinen aus, die zwar effizient aber verletzlich sind: am 29. Januar 1916 wirft ein Zeppelin 17 Bomben über dem Osten von Paris ab, die 26 Personen in den Vierteln von Belleville und Ménilmontant töten.2

Jedoch bleibt dieser Luftangriff einer der letzten, der von den Deutschen in dieser Art und Weise verübt wird. Bei nächtlichen Luftangriffen auf London am 19. und 20. November 1917 wird die Hälfte der Ballons abgeschossen. Das Scheitern der Zeppeline zwingt den deutschen Generalstab zum Nachdenken und zur Suche nach einer neuen fliegenden Bombenabwurfbasis: Ab 1917 tauchen die deutschen Bomber „Gotha G“ auf, die weitaus manövrierfähiger als Zeppeline sind, und auch weitaus zerstörerischer: ihre Bombenladung kann zwischen 600 kg und einer Tonne variieren, und ihr Aktionsradius reicht von 550 bis 1200 km.3 Damit hat sich die deutsche Luftwaffe weit von den „Amateurbombardements“ mit dem Eindecker ‚Taube’ von 1914 entfernt. Die Luftangriffe der „Gothas“ werden vom französischen Generalstab gefürchtet.

Ein falsches Paris entsteht

Vor diesem Hintergrund richtet die französische Armee ein System zur Luftverteidigung ein: Projektoren, Kanonen, Sperrballons. Im August 1917 werden im Nordosten von Paris Experimente zur Lufttarnung durchgeführt.

Die ersten Experimente sind noch rudimentär: „Man hatte sich darauf beschränkt, am Rand von Feldwegen einige Azethylenlampen zu installieren, um Avenuen vorzutäuschen, auf denen die Lichter nicht gelöscht wurden“, berichtet die Zeitung L’Illustration.4

Aber bald schon wird vom Staatssekretariat für Luftfahrt und der Luftverteidigung ein Projekt von weitaus größerer Tragweite ins Leben gerufen, das dazu bestimmt ist, den Feind über die exakte Position von Paris zu täuschen; zu Beginn von 1918 wird beschlossen, das gesamte Pariser Ballungsgebiet zu simulieren; „die Schwierigkeiten waren immens“, merkt L’Illustration an: „Zuerst mussten auf der Karte ähnliche Geländeformationen wie die Orte gefunden werden, die man nachbilden wollte. Zum Beispiel musste um das Pariser Ballungsgebiet zu simulieren eine Seineschleife ähnlich derjenigen gefunden werden, welche die Hauptstadt durchquert, und schließlich durfte das Gelände, das dazu bestimmt werden sollte die feindlichen Bombardements auf sich zu lenken, nicht voll von Wohngebieten sein.”5

Die französische Regierung wendet sich an die Privatwirtschaft, um die erforderlichen Arbeiten zur Errichtung des falschen Bombenziels zu planen und auszuführen; die Entscheidung fällt, die Attrappen zusammenzubauen und sie zu beleuchten, um den Feind zu täuschen. Der Ingenieur italienischer Herkunft Fernand Jacopozzi wird damit beauftragt, die Pläne für das falsche Paris und die nächtliche Beleuchtung zu entwerfen und zu zeichnen.6

Eine Stadt der Lichter

Dieser Beschluss zum Bau des falschen Paris mag uns im XXI. Jahrhundert vollkommen absurd erscheinen. Trotzdem ist er nicht ganz bar jeglichen gesunden Menschenverstandes.

Ab 1917 gibt es fast keine Tagesbombardierungen mehr, da diese angesichts der Entwicklung der Verteidigungssysteme immer riskanter werden; die hohe Konzentration der Luftabwehrgeschütze rund um Paris wirkt äußerst abschreckend, die Luftangriffe erfolgen daher im Wesentlichen im Schutz der Nacht. Die Flugzeugführer, die noch über kein Radar verfügten, orientieren sich im Licht des Mondes und der Sterne. Eine vertrauliche französische Broschüre von 1918 zum Thema Luftangriffe erläutert, dass man je nach den Sichtverhältnissen Wälder und Straßen, Flüsse und Kanäle, Seen und Teiche erkennen kann. Die Broschüre gibt an, dass die Sicht in mondhellen Nächten ausgezeichnet ist, dass hingegen „in Nächten ohne Mondlicht mit sehr viel mehr Aufmerksamkeit und Vorsicht vorgegangen werden müsse“ und dass dann „eine peinlich genaue Arbeit vonnöten sei.“7

Man kann heutzutage leicht nachvollziehen, dass sich die nächtlichen Bomberpiloten an den Lichtern der  Dampfloks auf den Gleisen orientierten, die nach Paris führten. Es ist auch nicht auszuschließen, dass der Feind Kenntnis über die Errichtung dieser falschen Ziele erlangt hatte. Aber nichtsdestotrotz zählte im Endeffekt, dass sich der feindliche Bomberpilot von der „Vorspiegelung falscher Fabriken oder simulierter Bahnhöfe täuschen liess.“8 In einem im Winter 1930 erschienenen Artikel der französischen Militärzeitschrift schließt sich ein Oberstleutnant Vauthier den Ausführungen von L’Illustration an und geht im Detail auf die Errichtung eines falschen Zieles ein: „Wenn ein Zielobjekt vor den Augen des Piloten auftaucht, dessen Formen er erkennt, hat er in dem Moment weder die geistige Freiheit noch ausreichende Anhaltspunkte zur Beurteilung, um das Echte vom Falschen zu unterscheiden. In Kenntnis der Existenz falscher Ziele wird er immer dazu tendieren, sich zu fragen, ob es sich um eine Fälschung handelt, selbst wenn er das echte Ziel vor Augen hat. Diese in den Angriff eingeimpften Zweifel sind bereits ein beachtliches Ergebnis.”9

In diesem Geiste wurde das falsche Paris konzipiert; der Plan dieser falschen Ziele umfasste die Aufgliederung in drei Bereiche:

  • ein Gebiet im Nordosten von Paris mit der Nachstellung des Ballungsgebietes von Saint-Denis, den Werken von Aubervilliers, den Bahnhöfen Paris Ost und Paris Nord, aus denen das sogenannte Zielgebiet A bestehen sollte – angeordnet in einem Viereck zwischen Roissy-en-France, Louvres, Villepinte und Tremblay-en-France,
  • ein Gebiet im Nordwesten von Paris: das ehrgeizigste Projekt, ein falsches Paris – als Zielgebiet B bezeichnet – war für eine Schleife der Seine in der Nähe des Waldes von Saint-Germain vorgesehen. Es sollte die Eisenbahnstrecke des inneren Ringes sowie bestimmte auffällige Punkte der Hauptstadt nachstellen, wie das Champ-de-Mars, den Trocadéro, den Place de l’Étoile und den Place de l’Opéra, die Champs-Élysées, die großen Boulevards und die Bahnhöfe Invalides, Rosa, Montparnasse, Austerlitz und Lyon. Dieses Zielgebiet B sollte sich zwischen Maisons-Laffitte, Herblay und Conflans-Sainte-Honorine befinden, wo der Mäander der Seine seinem Pendant inmitten der Hauptstadt wie ein Ei dem anderen ähnelt,
  • ein Gebiet im Osten: das simulierte Zielgebiet C sollte ein größeres Ballungsgebiet fiktiver Fabriken in den Regionen von Chelles, Gournay, Vaires-sur-Marne, Champs, Noisiel und Torcy simulieren, der sogenannte Zielbereich C.

Man findet eine Beschreibung dieses Projekts in Quand Paris était une ville-lumière (Als Paris eine Stadt der Lichter war), dem Buch von General Pierre-Marie Gallois10, insbesondere von Zielgebiet B: „Falsche Bahnhöfe, nachgemachte Plätze und Avenuen, durch geschickt angebrachte Lichter im Wald von Saint-Germain simuliert, sollen dem im Anflug begriffenen Feind vorgaukeln, über ein Paris zu fliegen, in dem die Sperrstunde nicht korrekt eingehalten wurde. Von Pferden gezogene mit Sturmlampen bestückte Wagen bilden in Ein- und Ausfahrt befindliche ‚Züge’ an ‚Bahnhöfen’, die ihrerseits durch feste Beleuchtungen vorgegaukelt werden. Auf der Seine fahren ein paar kaum beleuchtete Lastkähne im Schritttempo. So würden die deutschen Flugzeugführer in die Irre geführt, und der Wald von Saint-Germain zu einem ‚lohnenden’ Ziel.”

Eine andere, genauere und ausführlichere Beschreibung des Projekts findet man in der Sonderausgabe „Chemins de fers” (Eisenbahnen) der Zeitschrift La Vie du Rai (Das Leben der Schienen) vom 11. November 1968, vor allem vom Bereich Nordost: „Das Handwerk des Elektroingenieurs wird hier durch eine subtile Psychologie ergänzt, der Seele der Tarnung. Um das Leuchten der Feuer der Dampflokomotiven im Betrieb zu imitieren, werden Lampen mit verschiedenen Farben verwendet, die abwechselnd künstlich erzeugten Dampf beleuchten sollen. Die Eisenbahnstrecke wird ganz einfach durch auf dem Boden ausgelegten Stoffbahnen simuliert. Die Signale bestehen aus Lampen in den Signalfarben, die in zwei Metern Höhe aufgestellt werden. Die Züge werden durch Holztafeln auf dem Boden imitiert, angeordnet wie eine Reihe Waggons. Eine seitliche Beleuchtung strahlt Licht nach außen ab, als wenn es aus Fenstern käme. Der Clou aber ist ein fahrender Zug. Auf einer Strecke von ca. 2000 Metern wird Licht in der Länge eines mittleren Konvois von einem Ende zum anderen bewegt. Lichterketten erzeugen die Illusion einer Bewegung.“11

Der Abbruch des Projekts

In der Realität wurde jedoch nur ein einziges Stück des falschen Paris errichtet, und zwar ein Teilbereich des Gebietes A.

Die Bauarbeiten begannen also im Norden von Villepinte, in dem als „Orme de Morlu“ bezeichneten Gebiet, mit dem falschen Ostbahnhof „Gare de l’Est“. Sie umfassten „Gebäude, Abfahrtgleise, Züge am Bahnsteig und Züge in Fahrt, Attrappen von Gleisen und Signalen und eine Fabrik mit Gebäuden und Öfen in Betrieb. Eine Transformatorenstation musste installiert werden, um die 15.000 Volt der Stromversorgungsgesellschaft auf 110 Volt umzuspannen“, laut L’Illustration12. Diese hölzernen Gebäude waren „mit gespannten, bemalten und lichtdurchlässigen Leinwänden bedeckt, um die verschmutzten Glasdächer der Fabriken zu imitieren. Die Beleuchtung wurde darunter angebracht. Sie bestand aus einer doppelten Leitung für die Normalbeleuchtung und die abgedunkelte Alarmbeleuchtung. Denn die Illusion wird durch die Unauffälligkeit der Mittel erzeugt.”13

Alles in allem „waren diese Installationen erst nach dem letzten Luftangriff der Deutschen auf Paris im September 1918 betriebsbereit und konnten daher nicht ihren Nutzen unter Beweis stellen. Andererseits unterbrach der Waffenstillstand die vollständige Umsetzung des gesamten Plans“, kommentierte die Militärzeitschrift14 1930. „Der Krieg endete, bevor diese Strategie sich bewähren konnte. Das große Tarnvorhaben bleibt unvollendet, als der Waffenstillstand im November 1918 den Plänen ein Ende bereitete. Das „falsche Paris“ von Jacopozzi war nicht einsatzfähig”15, folgert in ähnlicher Weise General Gallois. Das Projekt kam also nie über das Embryonalstadium hinaus. Zu Beginn der zwanziger Jahre war davon so gut wie nichts übriggeblieben.

Das Gelände, auf dem diese Kopie einer Stadt entstehen sollte, musste genauestens vermessen werden, man musste auf das kleinste Anzeichen achten, das die Täuschung verraten konnte, die Untersuchungen mussten bis ins Herz der städtischen Strukturen vorangetrieben werden, jeder kleinste Fehler des Terrains musste bemerkt werden. Es musste der genius loci in Betracht gezogen werden; das Reale ist nichtsdestoweniger immer auch nur Schein zugleich. So kam es, dass ich mich mit meinem Freund Didier Vivien, Fotograf, und seinem Sohn Gaspard, Architekturstudent, auf die Suche nach den Spuren dieses falschen Paris machte. Wie ließen uns durch die Region von Paris treiben, auf der Suche nach hypothetischen Überresten; Das Buch Paris est un leurre (Paris ist eine Täuschung) erzählt dieses kleine Abenteuer.
 

Anmerkungen

1 Zitiert von Jean Hallade in seinem Buch 1914-1918, de l'Aisne on bombardait Paris, Éditions Marcel Carmoy, 1987. Man findet eine Resonanz auf diese Neugier der Einwohner von Paris nach der ersten Bombardierung im Roman von Mathieu Larnaudie, Strangulation, Éditions Gallimard, 2008, Seiten 263-264. Die erste Bombardierung der Geschichte fand übrigens am 1. November 1911 über der Oase Tagiura in Libyen statt, als der italienische Pilot Giulo Gavotti eine Handgranate auf die Einwohner warf. Zu dieser Frage siehe das Buch von Sven Lindqvist, Jetzt bist du tot, der Zyklus der Bomben, Die gefiederte Schlange, Sammlung „Essais/Dokumente“, Paris, 2002.

2 Vgl. das Buch von Maurice Thiéry, Paris bombardé par Zeppelins, Gothas et Berthas, Éditions E. de Boccard, Paris, 1921, Seiten 28-44.

3 Nach Charles Dollfus und Henri Bouché, in ihrer Histoire de l'aéronautique, Éditions L’Illustration, 1938, Seite 328.

4 L’Illustration n° 4048, 2. Oktober 1920, Seite 245.

5 Ibidem.

6 Histoire de l'aéronautique, op. cit. Seite 330.

7Manuel du bombardier en avion, Henri Charles-Lavauzelle, Éditeur militaire, Paris, 1918, Seiten 17-19.

8 L’Illustration, op.cit. Seite 246.

9 Revue militaire française, Band 35, Januar-März 1930, Militärbibliothek Berger-Levrault, Seiten 211-213. Man findet diese Analysen im Buch desselben Oberstleutnants Vauthier, Le danger aérien et l’avenir du pays, veröffentlicht 1930 bei Berger-Levrault. Dieses Buch ist verfügbar in der Französischen Nationalbibliothek BNF-Tolbiac - Gartengeschoss - magasin cote 8- LF195-1468.

10 Pierre-Marie Gallois, Quand Paris était une ville-lumière, Éditions L’Âge d’Homme, Lausanne 2001.

11 L’Illustration, op.cit. page 246.

12 Ibidem.

13 La Vie du Rail vom 11. November 1968, S. 75.

14 Revue militaire française, op.cit. page 211.

15 Pierre-Marie Gallois, Quand Paris était une ville-lumière, op.cit.